Oktober 1918

Am 30.Sept. 18 begann unser Dienst. Von 1 – 1/2 3 vor der Offz.Speiseanstalt Konzert, um 5 Uhr Beerdigung von drei Österreichern auf dem Ehrenfriedhof. Derselbe lag 1 1/4 Std. von unserem Quartier entfernt. Am 2.0kt. waren zweimal Beerdigungen.

Die zweite ein Österreichischer Offizier, welcher in Nicolajew ermordet wurde, des abends auf offener Straße inmitten der Stadt. Wir mußten auch nun mit scharf geladenen Schußwaffen durch die Straßen gehen. Auch immer zu zwei Mann mindestens.

Am 4.0kt. 18 spielten wir abends von 7 – 10 Uhr auf dem Boulevard Konzert, am 5.0kt. für drei Kameraden Trauermusik. Mittlerweile waren wir in eine kl. Schule verlegt. Vor Wanzen konnten wir keine Nacht richtig schlafen. Auch vor Läusen die wir alle hatten, trotz eifriger Vernichtung. Am 7.0kt.18 wurden wir zu einer Hochzeit in die deutsche Kolonie Petrowka befohlen. Die Abfahrt mit Geschirr erfolgte nachm. 3 Uhr und kamen abends 7 Uhr an. Unterwegs sahen wir etliche deutsche Dörfer von weitem. Alles ausgewanderte Württemberger. Nachdem wir erst mal ordentlich gegessen hatten, es gab Schweinefleisch mit Brot und geriebenen Merrettig, begann der Polterabendtanz bis 12 Uhr nachts. Wir schliefen in einem sauberen großen Rinderstall (die Tiere waren auf der Weide) welcher dick mit Stroh ausgelegt war. Die Nacht war schwül.

Hier muß ich eine kleine Sache einflechten. Unser Musikleiter, Feldwebel Buschmann fraß beim Essen wie ein Wilder. Auch glaubte er ein gutes Bett zu bekommen fÜr die Nacht. Da kam er mißgestimmt ehdlich in unseren Stall gekrochen. Der Kamerad Bischoff aus Bautzen bemerkte das nicht im Finstern und sagte laut in seinem oberlausitzer Dialekt:
„Der Ähle hot gefressen wie ä Sau un dächt, er kriegt ä Bett for de Nacht. Dän wärnse was scheißen, deän Brummer.“ Wir verbissen das Lachen und riefen: „Max, halt die Gusche und Schlaf, morgen ist die Nacht weg.“ Am anderen Tag gabs eine mordsmäßige Standpauke und Bischoff Max sollte nicht auf Urlaub gehen, den er eingegeben hatte. Aber es kam doch dann anders.

8. Okt. also vorm. 1/2 9 Uhr war die Trauung der deutschen Braut mit einem ukrainischen Offizier. Wir spielten die Kirchenmusik.

Um 10 Uhr begann der Tanz bis nachts 12 Uhr in einem großen leeren Getreidespeicher. Zu Essen gab es reichlich, und Wein und Bier floß in Strömen. Desgl. gab es reichlich Trinkgeld. Wir spielten in drei Abtlg. immer 1 Stunde. Unser Melodieführer meiner Abteilung kannte zufällig viele Nationaltänze der Russen, bzw. Ukrainer, weshalb unsere Abtlg. prima mit Trinkgeldern und Essen abschnitt, sehr zum Ärger unseres Feldwebels und Musikleiters. Am Morgen des 9.0kt. wurden wir zeitig geweckt, und alle Hochzeitsgäste, 200 an der Zahl mit Marschmusik zum Hochzeitshaus geholt. Vor dem Tor des Hofes mußte jeder ein Trinkgeld für die Musik zahlen, was ein Verwandter des Brautpaares kassierte und in übermütiger Laune, verstärkt durch Scherze, Bier und Wein begann der Tanz wieder. Es gab ein gutes Frühstück und Mittagessen. Nachmittag löste sich die Hochzeitsgesellschaft auf und um 4 Uhr fuhren wir mit Geschirr nach Nicolajew zurück. Besonders interessant waren die Volkstänze.

Wir hatten im Ganzen 1400 Rubel Trinkgelder. Unser Dienst in Nicolajew war wieder Konzert im Boulevard, Soldatenheim,Casino.

Da kam plötzlich am 16.Okt. der Befehl, daß wir alle Urlaub erhielten. Jeder faßte ein „Bud“ (Pud) Mehl (ist 40 deutsche Pfund). am 17.0kt.18 reisten wir vorm. 1/2 9 Uhr in Nicolajew ab, mit der Eisenbahn. An in Cherson mittag 12 Uhr. Von da mit Schiff den Dnjeper aufwärts nachm. 5 Uhr nach Alexandrowsk. An dort 19.0kt 18 abends. In der Nacht vom 17. zum 18.0kt. blieben wir wegen starkem Nebel von 1/4 1 bis früh 1/2 5 liegen. Doch war noch so viel Nebel, daß wir nach 1/2 Std. auf eine Sandbank aufliefen. Es verging eine gute Stunde, ehe das Schiff wieder flott wurde. Dann ging es in lebhafter Fahrt weiter, da sich das Wetter aufklärte.

Jedoch in der Nacht vorn 18. zum 19.0kt. blieben wir wieder wegen starken Nebel von abends 1/2 7 bis 1/4 8 Uhr früh liegen. In Nikopol waren wir gegen 1 Uhr nachm. In Alexandrowsk gegen 8 Uhr. Von da mit der Eisenbahn. Und zwar erst bis Charkow. Die Fahrt dauerte vom 19.0kt. abends 1/2 12 bis zum 20.0kt. vorm. 1/2 12 Uhr.

In Charkow hatten wir bis nachts 1 Uhr Aufenthalt. Zur genannten Zeit fuhren wir ab und waren am 22.0kt.18 nachm. 2 Uhr in Pinsk. Die Strecke ging über Homel. Bis hierher hatten wir russisches Bahnmaterial. Von Pinsk ab waren die Schienen umgenagelt und wir fuhren nun in deutschen Wagen. Vom Brückenkopf bis zum Bahnhof Pinsk, etwa 7 km war Pendelverkehr. Da der Zug bereits voll war, wollte man uns nicht mehr mitnehmen. Dadurch wäre uns 1 Tag verlorengegangen. Hinter dem Zug, in kaum 1 mtr. Abstand waren 2 leere Güterwagen. Kurz entschlossen rief ich meinen Kameraden zu: „Steigt ein, schiebt die Wagen ran.“ Gesagt, getan, ich sprang zwischen die Puffer und warf den Haken rein. Nun hingen wir mit am Zug. Kaum war ich unter dem Wagen raus und drin, fuhr der Zug los. Der Feldwebel, welcher den Dienst am Brückenkopf regelte schimpfte wie ein Landsknecht als er sah, daß wir mitfuhren. Also um 2 Uhr nachm. waren wir in Pinsk Bahnhof und bereits 3/4 4 Uhr nachm. fuhr der Urlauberzug (Schnellzug) ab über Brest-Litowsk, Varschau, Lodz, Kaliseh, Skalmircyce, Ostrowo, Lissa, Glogau, Sagan, Eilenburg nach Leipzig. Ankunft am 23.0kt.18 nachts 12 Uhr.

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