September 1918

Es begann nun wieder das gewohnte Leben. Einzige Abwechslung brachte der Dienst im Gymnasium und Theater bis wir am 13.Sept. plötzlich wieder eine Dienstreise zum II.Batl. nach Kamenka machen mußten. Am genannten Tage fuhren wir mit einem Wolgadampfer nachts 1/2 3 Uhr in Kachowka ab. Um 11 Uhr sollte das Schiff da sein, doch nach echt russischer Weise kam es so spät. Wir hatten guten Platz erhalten und konnten 3 Stunden schlafen.

Am Tage fuhren wir an großen Dörfern vorüber, sahen schöne Viehherden und idyllische Fischerhütten. Das besonders aufgeregte Wasser des Dnjeper wälzte sich im Flußbett entlang und wurde von unserem Schiff spielend durchschnitten. Endlich nachm. 4 Uhr kamen wir in Kamenka an. Quartier bekamen wir alle in einem Hause. Der Dienst für den 14. war vorm. 1/2 10 Uhr – 1/2 11 Uhr Platzmusik, 1/2 1 – 2 Casino, 9 – 11 abends Parkkonzert. Am 15.Sept. war von 1/2 10 – 11 vorm. Platzmusik, 1/2 1 – 2 Casino, und abends 8 – 10 im Park. Am 16.Sept. 18 spielten wir von 9 – 3/4 10 vorm. bei der Maschinengewehrabteilung in der Brauerei, dann zum Hafen um mit Schiff um 1/2 1 nach Lipidicha zur 5.Komp. zu fahren. Ankunft dort nachm. 1/4 6 Uhr. Um 6 – 7 hatten wir bereits zu spielen. Am anderen Tag, 17.Sept. war von 11 – 12 Uhr mittag nochmals Platzmusik und 1/4 6 nachm. fuhr unser Schiff nach Kachowka zurück. Ankunft daselbst 10 Uhr abends.

Während einer Platzmusik am 24.Sept.18 abends in der Sachsenstraße kam der Regts. Feldwebel und sagte, daß wir wegkämen mit dem Regt.Stab, und zwar nach Nicolajew. Es war auch so. Am 26.Sept. nachm. 3 Uhr wurde alles, was zum Regt. Stab gehörte mit Bagage auf zwei Schleppkähne, welche nebeneinander verbunden waren, verladen. Der Schleppdampfer, welcher uns fortbringen sollte kam nicht, da er auf einer Sandbank aufgelaufen war. Deshalb blieben wir die Nacht hindurch im Hafen von Kachowka liegen und fuhren erst am 27.Sept. früh 8 Uhr ab. Es zog uns eine kleineSchleppbarkasse. Die Fahrt ging sehr langsam vorwärts.

Die Zeit füllten wir aus mit Essen und Schlafen. Ab und zu spielten wir einen Marsch, besonders da, wenn es an deutschen Dörfern vorbei ging. In der Nacht vom 27. zum 28.Sept. lag eine so dichter Nebel auf dem Wasser, daß an eine Weiterfahrt nicht zu denken war. Der Schleppzug hielt deshalb an. Es war dies in der 2ten Stunde. Endlich früh 1/2 8 Uhr des 28.Sept. lichtete sich der Nebel, die Sonne brach durch und die Fahrt ging weiter nach Cherson, daß um 10 Uhr vorm. erreicht wurde. Durch die Verzögerung in Kachowka und während der Fahrt hatten wir beträchtliche Verspätung. Da die Verpflegung nur bis zum 28.Sept., an welchem Tag wir schon in Nicolajew sein sollten, berechnet war, so wurden in Cherson Lebensmittel, hauptsächlichst Melonen, eingekauft. Endlich um 3 Uhr nachm. ging es weiter.

Wir hätten schon früher fahren können, doch wollte eine anderer Schleppkahn mit uns nach Nicolajew, was jedoch der Transportführer Lt.Kunert, verbot, da wir Militätransport waren. Daraufhin fuhr einfach der Schleppdampfer weg und lieS uns sitzen. Er wurde mit Waffengewalt geholt und die Fahrt ging die Dnjeper-Mündung entlang dem Schwarzen Meer zu. Allmählich senkte sich dann auch der Abend hernieder. Die untergehende Sonne färbte die nun ganz flach gewordenen Ufer rötlich, welche Färbung mit dem tiefen Blau des Himmels in wunderbarer Zusammenwirkung stand. Ruhig und still fuhren wir dahin. Einzelne Gehöfte lagen, von üppigen Feldern umgeben da. Leichter Rauch stieg aus den Schornsteinen und die Ziehbrunnen traten in Tätigkeit, denn die Bauern waren heimgekehrt. Es waren wirklich unvergessliche Bilder und manchem sah man die Sehnsucht nach der Heimat aus dsn Augen sprechen.

Die hereinbrechende Nacht, und auf die große Hitze am Tage nun eintretende Kühle auf dem Wasser zwang uns unter Deck zu gehen. Ich fand jedoch keinen Schlaf. An den immer heftiger werdenden Schaukelbewegungen der Schleppkähne merkte man, daß wir die Dnjeper Mündung verlassen hatten und auf dem offenen Meere an der Küste entlang fuhren. Am frühen Morgen des 29.Sept. 18 bogen wir in die Mündung des Bug-Flusses ein und die Fahrt ging stromaufwärts, Nicolajew entgegen. Während der Dnjeper schmutzig gelbes Wasser hat, sieht Dasselbe des Bug grünlich aus. Die Breite der Mündung betrug etwa 1500 mtr. Von den Orten an denen wir vorbeifuhren ertönten die Glocken in der morgendlichen Stille. Ich stellte fest, daß es ein Sonntag ist. Meine Gedanken schweiften da in die Heimat, zu Weib und Kinder. Bilder meiner Kinder-und Jugendjahre sowie meiner glücklichen Ehe ziehen im Geiste an mir vorüber.

Wir kamen an einem Dampfer vorbei, welcher auf einer Sandbank festgefahren ist. Endlich vorm. 1/ 11 Uhr fahren wir im Hafen von Nicolajew ein und machen am Kai fest. Nachdem alles ausgeladen ist, ging es in die Stadt und kamen vorläufig in ein Klubhaus (Spielklub) in Quartier. Das Haus war sehr vornehm ausgestattet. Treppen mit Marmor belegt usw. Ich besah mir die Stadt und abends ging es nach dem Boulevard zum Konzert einer russischen Civilkapelle. Auch für Vergnügungen war wieder gesorgt. Wir lagen im Centrum der Stadt, wo dieselbe schön angelegt und auch großartige Bauten hatte.

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Nikolayev

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