März 1920, Kapp-Putsch

Ich weiß nicht mehr recht, war es im Jahr 1922 oder 1923 im Monat März (13.3.1920), als der sogenannte Kapp-Putsch ausbrach. Eine Partei wollte immer vor der anderen an die Regierung. Eines Tages war es unmöglich zur Arbeit zu gelangen. Straßenbahn, Eisenbahn, Autos, Fuhrwerke usw. hatten jegliche Arbeit und Betrieb eingestellt.
Im Innern Leipzigs waren alle öffentlichen Gebäude durch das Zeitfreiwilligen Regiment besetzt. Außerhalb des Centrums standen die Kommunisten unter Waffen. Barrikaden wurden errichtet aus allen möglichen Sachen. Pflaster aufgerissen, Wagen, selbst Straßenbahnen umgestürzt. Tag und Nacht dauernd Schießen. Frau und Kinder zitterten in ständiger Angst.

Vor unserem Haus in der Lutherstr. 2, war eine solche Barrikade von etwa 100 mtr. Länge über eine freie große Straßenkreuzung. Aus Vorsicht hatten wir in unserer Wohnung, da wir Doppelfenster drin hatten, die inneren Fenster herausgenommen, denn wenn die äußeren zerschlagen wurden, konnten wir doch dann die inneren einhängen. Nachts ruhten wir alle 5 Personen in einer schußsicheren Kammer. 2 Kinder in großen Koffern, Frau und 1 Kind im Bett, ich auf dem Fußboden. Die Kammer war 3.60 mtr. mal 1.80 mtr. groß. Der Rummel begann wohl an einem Donnerstag früh.

Die innere Stadt war durch Drahtverhaue abgeriegelt. Wer nichts im Hause hatte zum Leben, mußte eben sehen, wie er sich durchhalf. Jedenfalls hatten wir das Haustor gut verrammelt. In der Nacht vom Freitag zum Sonnabend war das Schießen ganz toll, sodaß meine Kinder und Frau blaß wurden vor Angst. An Schlaf war nicht zu denken. Ich war das alles vom Feld her gewöhnt.

Burschen von kaum 17 Jahren, die nicht mit einem Gewehr umzugehen verstanden, knallten in die Luft hinein, bis sich endlich die eigenen Genossen darüber empörten. In unserem Haus im IV.Stockwerk wurde einem Bewohner in der Wohnung durch eine verirrte Kugel das rechte Bein (Unterschenkel) zerschossen, beim Abendbrotessen. So kam der Sonnabend Nachmittag heran. Plötzlich begannen die großmäuligen Barrikadenschützen zu laufen und reißaus zu nehmen. Die Reichswehr kam aus allen Winkeln und Ecken und konnte die Barrikade mühelos nehmen. Ich atmete auf, denn für meine Familie mußte ich das Schlimmste befürchten, wenn nicht bald ein Ende kam. Aber wo auf einmal die Gewehre alle hinwaren ist mir ein Rätsel gewesen. Die Kerle waren noch da als harmlose Schlachtenbummler, denn nur wer mit Waffen angetroffen wurde, konnte mit Strafe rechnen.

Und wie viel Schaufenster und sonstige Sachen waren zertrümmert. Alles Volksgut. Und für was? Warum? Nur gewissenlose Hetzer, Menschen die keine Ordnung wollen und lieben, ist so etwas recht. Es wurde nun wieder Ruhe in den nächsten Tagen. Man ging seiner Arbeit nach und die ausgefallenen Tage mußten bezahlt werden. Es schlossen sich noch 3 Tage Streik an, aber für unseren Schaden. Diese Hornochsen.

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Leipzig, Lutherstraße 2

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