1896 Oberlungwitz

Noch im Frühjahr 1896 zogen meine Eltern von Hohenstein­Ernsttal nach Oberlungwitz in den Gasthof „Zum deutschen Kaiser“ dort eine Fleischerei betreibend. Aber es war auch hier kein Segen vorhanden, wechselten die Wohnung und mieteten bei einem Schlossermeister Fischer.

In dieser Zeit lernte ich Geige spielen. Mein Geigenlehrer war der Stadtmusikdirektor Naumann in Hohenstein-Ernstthal. Ein saugrober Kerl. Es graute mir immer vor dem Tag an welchem ich Stunde hatte und auf halbem Weg von Oberlungwitz nach Hohenstein-Ernstthal legte ich mich ins Gras und kam zur rechten Zeit nach Hause. Doch war diese Herrlichkeit bald zu Ende, denn Herr Naumann schrieb meinen Eltern wo ich blieb usw. und ich bekam wieder tüchtig Prügel.

Mit der Schule war es ebenda. Mein Lehrer, ein Herr Müller, ein baumlanger Mensch, mochte mich aus irgend einem Grund nicht leiden und immer Schikanen an mir auslassen. Da habe ich auch die Schule geschwänzt deshalb. Da bekam der Lehrer eine tüchtige Verwarnung und besser wurde es.

Einst bekam ich von einem Lehrer Wappler unschuldig Schläge, daß ich blutete (Jungen hatten im Ort Unfug getrieben und ich sollte mit dabei gesehen worden sein) Diesen Mann hätte es beinahe die Stellung gekostet, wenn meine Eltern nicht so nachsichtig gewesen wären.

Die Zeiten waren auch dadurch hart für mich, da mein Vater so gut wie nicht zuhause war bei uns. Was er trieb will ich hier nicht niederschreiben. Jedenfalls hatten wir oft so gut wie nichts zu essen und zu beißen. Da erhielt meine Mutter Beschäftigung (Heim/Hausarbeit). Es wurden Handschuhe genäht, d.h. die Finger zusammen und die Daumen eingenäht. Eine mühselige Arbeit. Dabei half ich mit nähen, oft bis spät in die Nacht hinein. Am anderen Tag schlief ich in der Schule dann ein.

Für ein Paar Handschuhe gab es 4 Pf. zu nähen. Und 20 Min. brauchte eine geübte Näherin fürs Paar. Da war Schmalhans Küchenmeister bei uns. Ich ging da öfters auf ein benachbartes Gut und half dort Futterrüben Schnitzeln mit der Maschine. Dafür bekam ich mal einen großen Topf voll Sauerkraut oder Kohlrüben, Kartoffeln. Wenn ich Hunger hatte Brot, daß ich jedoch mit nach Hause nahm. So flickten wir uns karg und kümmerlich hin.

Dass solche ernste und harte Zeiten auf ein Kindergemüt tiefe Wirkung ausübt, ist wohl denkbar. Mein, heute noch, vielleicht zu tiefer Ernst ist eine Folge davon. Und manchmal focht ich eine Schürze voll Kohlen bei dem Schlossergesellen im Winter.


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